Na ja, ich finde ja schon. In Maßen und im richtigen Kreis ist jammern durchaus ok. Darin sind wir Deutschen ja schließlich so richtig gut. Wir jammern gerne und vor allem, auf hohem Niveau. Aber irgendwann kommt der Punkt, an dem sollten wir uns überlegen, ob Gejammer der Situation angemessen ist.

So auch bei dem Bäcker, wo ich mir fast jeden Morgen mein Frühstück hole. Die Filialleiterin dort ist wirklich nicht zu beneiden. Viele krankheitsbedingte Ausfälle ihrer Leute, keine wirkliche Hilfe von der Zentrale und obendrein noch einen Mann zuhause, der ständig meckert weil sie so viel arbeitet. Woher ich das weiß? Naja, sie erzählt das alles jedem Kunden und jeden Morgen. Die ersten Male konnte ich noch Interesse und Mitleid glaubhaft bekunden. Immerhin muss ich nur 1x Butter zahlen, wenn ich 2x Brötchen mit Butter kaufe, da kann auch ich mal nett sein ^^

Aber spätestens ab dem 10x wird es anstrengend. Und ganz ehrlich? Wenn ich einen Job hätte, der mich so ankotzt und wo ich (meiner Meinung nach) derart ausgenutzt werde, dann sollte ich vielleicht, aber auch nur vielleicht, Bemühungen unternehmen, etwas anderes zu suchen. Aber nein, weit gefehlt. Lieber hängt man ja in seinem ach so großen Leid fest und jammert. Und hier, ja, genau hier ist der Punkt, wo es mir zu blöd wird. Wenn ich nicht bereit bin etwas zu unternehmen, dann ist der Leidensdruck nicht hoch genug. Und solange dem so ist muss ich doch bitte auch nicht allen Kunden ein Ohr mit der Geschichte abkauen, oder?

Obendrein habe ich auch noch ein minimal anderes Selbstverständnis. Ich sehe es als nicht wirklich passend an, Kunden mit derartigen Geschichten zu “belästigen”. Es ist nicht die Aufgabe des Kunden mich zu trösten sondern es ist meine Aufgabe, als Dienstleister, für das Wohlbefinden meiner Kunden zu sorgen. Und das erreiche ich nicht, wenn ich mein Leid auf die Schultern aller verteile.

Aber vielleicht bin ich auch nur zu wenig mitfühlend. Ach ja, und irgendwie will es mir auch nicht gelingen, mich am Leid anderer selbst aufzurichten. Wenn es hier in der Nähe einen anderen Bäcker gäbe, ich würde jedenfalls ernsthaft überlegen, zukünftig dort einzukaufen.

Ich will doch bloß Brötchen, sonst nichts!

Bin ich deshalb gleichgültig? Nein, denn ich kann nicht der gesamten Menschheit ihr “Leid” abnehmen. Ich höre mir sowas im Freundes oder Familienkreis an, aber nicht beim Bäcker, Fleischer, Friseur oder an der Tankstelle.